Autor

2009 Dissertation „Die Integrative Gitarrentechnik“

2010 Bearbeitung

Johann Sebastian Bach - TOCCATA
BWV 914
Arranged for Guitar Duo
by Thomas Offermann

As recorded by Duo Sonare on SST 0204.

Chanterelle, Heidelberg, Germany

 

Auszug „Die Integrative Gitarrentechnik“:

I.Zusammenfassung

Das vorliegende Werk möchte einen Beitrag zur Versachlichung der Diskussion über die „richtige Gitarrentechnik“ leisten. Dabei stellt es einer ungeprüften Übernahme traditioneller Dogmen und mitunter unreflektierten Technikkonzepten einen anatomisch fundierten und sich an physikalischen Gesetzmäßigkeiten orientierenden Rahmen entgegen. Dieser Rahmen möchte nicht den Anspruch erheben, den Leser mit beengenden Anweisungen zu belegen, sondern möchte individuelle anatomische Voraussetzungen und das ästhetische Selbstverständnis des Lesers einbeziehen. Der Leser soll nach dem Studium dieser Arbeit und der darin enthaltenen technischen Übungen in der Lage sein, unter der Berücksichtigung seines persönlichen Geschmacks und seiner Vorlieben das wundervolle Instrument Gitarre frei von gesundheitlichen Risiken und Nebenwirkungen freudvoll zu spielen. Diese Forderung klingt für Außenstehende wie eine Selbstverständlichkeit, doch die Praxis zeigt, dass selbst Gitarristen der internationalen Klasse nicht gefeit sind gegen Schmerzen in Armen, Händen oder Rücken oder gegen Probleme wie beispielsweise die fokale Dystonie.

Ein Spiel frei von Schmerzen und gesundheitlichen Risiken beeinflusst direkt die Möglichkeiten des künstlerischen Ausdrucks. Die Technik der Gitarre wird traditionell von einer großen Anzahl von einschränkenden Anleitungen begleitet, dies oder jenes nicht zu tun. Dem möchte diese Schule auf der Basis eines tiefer gehenden Verständnisses grundsätzlich den Gedanken entgegensetzen, dass wir keine Fehler machen, wenn wir bewusst und achtsam mit dem Instrument umgehen. Ein Experimentieren mit Bewegungen, und sogar mit großen Bewegungen ist erlaubt und führt am ehesten zum Ziel. Die vorliegende Arbeit soll dazu dienen, mögliche Fehlentwicklungen zu kanalisieren.

Jede fundierte Instrumentaltechnik kann nur auf natürliche Bewegungen zurückgreifen, die ohne kognitive Rückkopplung ausgeführt werden: Diese können grundsätzlich nicht falsch sein und werden im bewussten Umgang mit der Eigenwahrnehmung zu komplexen Bewegungsprogrammen verknüpft.

Erst einengende Anweisungen, die der Physiologie zuwiderlaufen, enthalten das Konfliktpotential, das zu den angesprochenen Problemen führen kann.

Die Feststellung, dass keine Bewegung ohne Vorspannung ausgeführt werden kann, führt zunächst zu dem Umkehrschluss, dass die Forderung nach „lockerem Instrumentalspiel“ eine falsche Implikation bedeutet. Erst die Akzeptanz von vorspannender wie vorausanpassender Kraft ermöglicht ein Instrumentalspiel frei von unnötigen Spannungen mit räumlicher und zeitlicher Präzision, wie sie für das Instrumentalspiel in höchstem Maße erforderlich sind.